In Japan, die Sauberkeit in den Städten ist weltberühmt und bleibt ein faszinierendes Mysterium für viele Besucher. Obwohl Mülleimer in vielen öffentlichen Räumen praktisch nicht existieren, überzeugen die Straßen mit einem herausragenden Maß an Ordnung und Reinheit. Diese bemerkenswerte Sauberkeit ist das Ergebnis einer facettenreichen Kultur, in der gesellschaftliche Verantwortung, Umweltbewusstsein und persönliche Disziplin eine zentrale Rolle spielen. Wie gelingt es Japan, ohne die üblichen Annehmlichkeiten einer Abfallentsorgung, für so viel Ordnung zu sorgen? Die Antwort ist vielschichtig und lehrt, dass jeder Einzelne ein Stück Verantwortung für die Gemeinschaft trägt.
Eine herausragende Eigenschaft der japanischen Gesellschaft ist die Kultur der persönlichen Verantwortung. Professor Chris McMorran von der National University of Singapore erklärt, dass es als unhöflich gilt, während des Gehens zu essen. Diese Norm führt dazu, dass viele Japaner ihre Snacks und Getränke erst an einem geeigneten Ort konsumieren – und ihren Müll dann mit nach Hause nehmen. Oft tragen sie kleine Taschen mit sich, um ihren Abfall bis zur nächsten Entsorgungsmöglichkeit sicher aufzubewahren. Diese Praktiken sind in der japanischen Kultur tief verankert und fördern ein starkes Gemeinschaftsgefühl und Respekt für öffentliche Räume.
Die Herausforderung für Touristen
Trotz der eindrucksvollen Sauberkeit kann der Mangel an öffentlichen Mülleimern für Touristen oft frustrierend sein. Eine Umfrage der Japan National Tourism Organization ergab, dass 22 % der internationalen Besucher diesen Aspekt als größte logistische Herausforderung betrachten. Beliebte Ziele wie Nara, wo wilde Rehe frei herumlaufen, erleben einen Anstieg von Müll, der für die Tiere gefährlich wird. Doch die Stadt hat Maßnahmen ergriffen: In Touristengebieten wurden Solar-Mülleimer installiert, um das Problem zu mildern und die Besucher zu sensibilisieren.
Recycling und gesellschaftliche Verantwortung
Japan verfolgt eine strenge Recycling-Politik. In vielen Gemeinden müssen Abfälle in bis zu zwanzig verschiedene Kategorien sortiert werden. Mülleimer sind oft klein und die richtige Mülltrennung ist eine ernste Angelegenheit. Paul Christie, CEO von Walk Japan, betont, dass dieses System die kollektiven Werte der Japaner widerspiegelt: Sauberkeit wird vom ganzen Land geschätzt und durch kooperatives Handeln aufrechterhalten. Der Akt des Kaufens eines Produkts ist somit untrennbar mit der Verantwortung für dessen Entsorgung verbunden.
Ein ergreifender Sicherheitsaspekt
Hinter der zurückhaltenden Anzahl an Mülleimern steckt auch ein sicherheitspolitischer Aspekt. Nach dem Sarin-Angriff auf die Tokyoter U-Bahn im Jahr 1995, bei dem viele Menschen starben, wurden zahlreiche Mülleimer entfernt, um potenzielle Gefahren zu minimieren. Ähnliche Maßnahmen wurden international nach anderen Terroranschlägen durchgeführt. Auch in London wurden öffentliche Müllbehälter in den U-Bahn-Stationen beheben, um die allgemeine Sicherheit zu erhöhen.
Für Reisende gibt es kreative Lösungen: Das traditionelle Furoshiki, ein quadratisches Tuch, kann nicht nur als stilvolles Accessoire dienen, sondern auch als Tragehilfe für Abfall bis zur nächsten Mülleimer-Station. Es ist ein praktisches Souvenir, das sowohl Erinnerungswert hat als auch Funktionalität bietet.
Der Weg zur Sauberkeit
Zusammengefasst zeigt sich, dass Japans bemerkenswerte Sauberkeit nicht nur auf Infrastruktur beruht, sondern tief in der Kultur und den gesellschaftlichen Normen verwurzelt ist. Die Bereitschaft der Menschen, Verantwortung zu übernehmen, und das Bewusstsein für die Umwelt fördern ein Umfeld, in dem Sauberkeit eine gemeinschaftliche Anstrengung ist. Wer bereit ist, diese Praktiken zu akzeptieren, wird die japanischen Straßen vielleicht nicht als unpraktisch empfinden, sondern als Beispiel für ein harmonisches Zusammenleben.



